Der Stadtkanal in Potsdam - Die königliche Gracht

Der "Kurfürstliche Stadtgraben" des Großen Kurfürsten

stadtkanal potsdam 20101660 begann mit der Ernennung Potsdams zu seiner zweiten Residenzstadt neben Berlin durch den Kurfürsten Friedrich Wilhelm (der Große Kurfürst) der Aufschwung und Ausbau der Stadt. Friedrich Wilhelm ließ durch den Holländischen Baumeister Chieze ein Stadtschloss nach holländischen Vorbildern erbauen, legte zwischen Schloss und Havelufer einen Lustgarten nach holländischem Muster im Schachbrettsystem an und begann mit der Erweiterung der Stadt. Die lange Zeit ebenso kleine, wie unbedeutende Stadt Potsdam war seit ihrer Gründung umgeben von der Havel auf der einen Seite und sumpfigen Morasten, in denen offene Wasserflächen nicht fehlten auf der anderen Seite. Stadtkanal Potsdam auf dem Plan von Memhardt und Suchodolez (1683)Als Voraussetzung für die Erweiterungen ließ der Kurfürst 1675 daher den verschlammten Landwehrgraben aus dem 16. Jahrhundert reinigen und in seinem weiteren Verlauf begradigen. Der Verlauf dieses "Kurfürstlichen Stadtgraben", dem Vorgänger des späteren Stadtkanals, kann auf dem Plan von Memhardt und Suchodelez (Abb. 1) aus dem Jahre 1683 nachvollzogen werden.

Die barocken Stadterweiterungen Friedrich Wilhelm I.

Der Enkel des Großen Kurfürsten, König Friedrich Wilhelm I. (der Soldatenkönig) griff die Erweiterungspläne wieder auf und erkor Potsdam darüber hinaus zur Garnisonsstadt für seine königliche Garde, die berühmten "Langen Kerls". Zu diesem Schritt hat ihn möglicherweise gerade die eigentlich nachteilige Lage der Stadt eingeschlossen zwischen Havel und Sumpfgebieten bewogen. Desertationen der oft gewaltsam angeworbenen, teils auch mit immensem finanziellen Aufwand erworbenen Soldaten wurden hier durch die natürlichen Gegebenheiten erheblich erschwert.

Wie damals üblich wurden die Soldaten nicht in Kasernen untergebracht, sondern lagen in den Bürgerhäusern in Quartier. 1713 zählte Potsdam gerade mal rund 200 Häuser,Grafik über die Barocken Stadterweiterungen in Potsdam mit Potsdamer Stadtkanal in welche nun das erste nach Potsdam verlegte Regiment der Königsgarde von 563 Mann untergebracht werden musste. Die Schrittweise Verlegung der Gardetruppen in die Stadt bis zu einer Truppenstärke von 4294 Mann im Jahre 1740 machte daher die zügige Erweiterung der Stadt zur Versorgung und Unterbringen der Truppen notwendig. So setzte Friedrich Wilhelm I. die "erste barocke Stadterweiterung" (1720-22) und die "zweite barocke Stadterweiterung" (1733-1742) Potsdams ins Werk (Abb. 2). Im Sterbejahr des Königs (1740) war die Zahl der Bürgerhäuser so bereits auf 1154 Häuser angestiegen.

Der Bau der „Königlichen Gracht" unter Friedrich Wilhelm I.

Für die Entwässerung der neuen Baugebiete reichte der "Kurfürstliche Stadtgraben" bei weitem nicht aus, bildete aber die Grundlage für die weiteren Maßnahmen des Königs. So berichtet der Vorleser Friedrich Wilhelm IV. und Vorsitzende des damaligen Potsdamer Geschichtsvereins Louis Schneider: "Für die von ihm [Friedrich Wilhelm I.] beabsichtigte Vergrößerung der Stadt war der alte, vielfach versumpfte und in Sümpfe auslaufende Graben eigentlich ein Hinderniß. Mit dem ihm eigenen praktischen Blicke erkannte er aber sofort, dass sich diese Hindernis in den künftigen Wohlstand seiner Schöpfung verwerthen lassen müssten. Ihm schwebten die holländischen Städte mit ihren Grachten und mit ihrer Schiffahrt vor, welche die Kaufmannsgüter vor den Häusern der Kaufherren abzuladen gestatteten, und den regen Verkehr eines Hafens mitten in die Straßen hereinzutragen. So sollte aus dem alten Festungsgraben ein Schiffahrts-Canal werden. Um ihn vollständig dazu zu eignen, mußte er aber möglichst gerade gelegt werden, und dies geschah gleichzeitig mit der ersten Herausrückung der Stadtthore und Anlage der ersten Häuser-Quarré`s." (Schneider 1867: S. 270)

Vorbild für den geplanten Kanal waren, wie wir hier erfahren, die Grachten holländischer Städte, weshalb der Stadtkanal in Potsdam (Abb. 3). dann auch als "Königliche Gracht" bezeichnet wurde. Friedrich Wilhelm I. hatte eine Vorliebe für die holländische Kultur, mit der die brandenburgisch-preußischen Hohenzollern durch Ihre Verwandtschaft mit dem Haus Oranien-Nassau immer wieder konfrontiert wurden. Als Kronprinz hatte 1704/05 eine Bildungsreise nach Amsterdam und Den Haag unternommen. Das Land an der Nordsee blieb seitdem ein wichtiger Maßstab seiner Vorstellungen eines wirtschaftlich fortschrittlichen Staates und einer zweckmäßigen Architektur. Holländische Ingenieure, die europaweit als ausgewiesene Spezialisten auf dem Gebiet der Entwässerung galten, waren es auch die den alten Kanal des Großen Kurfürsten begradigen, verbreitern, vertiefen und mit Eichenholz verschalen ließen. Ein hölzernes Geländer säumte beidseitig das Ufer und sieben Brücken ebenfalls aus Holz wurden errichtet. Der Kanal erwies sich als äußerst zweckdienlich bei der Einschiffung der für die umfangreichen Bautätigkeiten zur Errichtung der neuen Stadtteile benötigten Baumaterialien. Diese wurden durch ein weiteres die Seen des Havellandes miteinander verbindendes Kanalsystem in einem ununterbrochenen Fluss von Mauersteinen, Dachziegeln, Bauholz und Kalk in die neue Residenz geschifft.

Prunkvoller Ausbau des Stadtkanals durch Friedrich II.

Friedrich II. (der Große), dem Sohn des Soldatenkönigs, blieb es vorbehalten aus dem mit der Zeit zunehmend marode gewordenen Bauwerk seines Vaters einen Kanal zu machen, der sich mit den Grachten der holländischen Städte messen konnte. Friedrich Wilhelm I. architektonischen Anschauungen waren von seiner unabdingbaren Maxime zur Sparsamkeit geprägt. Die kostengünstige Holzbauweise des Kanals steht sinnbildlich für die Herangehensweise des Herrschers bei der architektonischen Ausgestaltung der Stadterweiterungen Potsdams insgesamt. Friedrich II. unterzog nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1740 der Baupolitik seines Vaters einen radikalen Wandel. Stadtkanal in Potsdam 1928Der junge König wollte den Aufstieg des ebenso jungen Königreichs Preußen zu einer Macht europäischen Ranges forcieren. Dies mit den bekannten Kriegen (Schlesischen Kriege und Siebenjähriger Krieg) gegen die alteingesessenen Großmächte, aber eben auch mit Mitteln der Kunst, insbesondere der Baukunst. Die Residenzstädte Berlin und Potsdam sollten sich mit den anderen Königsstädten Europas messen können. Ein ambitioniertes Bauprogramm prägte daher die Regierungszeit Friedrich des Großen.

In Potsdam errichtete Friedrich II. neben Sanssouci, dem Neuen Palais und dem barocken Stadtschloss um die 600 weitere Gebäude oder ließ diese umbauen. Auch den Stadtkanal ließ Friedrich II. von Grund auf erneuern. (Abb. 5) Die Leitung über dieses Bauvorhaben bekam der Baumeister Heinrich Ludwig Manger.stadtkanal-potsdam-breite-bruecke In seiner Geschichte über das Potsdamer Baugeschehen berichtet er über die Arbeiten am ersten Abschnitt von der östliche Havelmündung bis zur Berliner Brücke (heute "Am Kanal" Höhe Burgstraße): "Der durch die Stadt gehende Kanal war auf beiden Seiten mit bloßen Brettern bekleidet, oder verschält, und hin und wieder waren Abtritte ebenfalls aus Brettern an demselben angebauet. Alles dieses war sehr verfallen, und gab ein schlechtes Ansehn. Der König befahl daher, solchen mit Sandstein zu revetiren [wiederherzustellen], mit eisernen Geländern zu versehen, und die darüber gehende Brücke auch mit Sandstein zu wölben." (Manger 1789: S. 2)  Die sieben Sandsteinbrücken wurden, je nach Wichtigkeit der Straße der sie zugehörig waren, mehr oder weniger prunkvoll mit Figurenschmuck ausgestaltet. Die prächtigste Brücke war die der Breiten Straße, die Breite Brücke. (Abb. 6)

Zuschüttung und Wiederaufbaupläne

Die Gestalt des Stadtkanals aus der Zeit Friedrich II. wurde bis zur Zuschüttung Anfang der 60er des 20. Jahrhunderts unter der Herrschaft der SED weitestgehend beibehalten. Der Entschluss der SED-Regierung den Potsdamer Stadtkanal zuzuschütten fußte auf Argumenten, die schon zu früheren Zeiten gegen den Kanal immer wieder ins Feld geführt wurden. Zum einen waren da die hohen Kosten für die regelmäßige Instandsetzungs- und Wartungsarbeiten, insbesondere auch die häufige Beseitigung der Schlammmassen bis hin zum Ausbaggern der Kanalsohle. Zudem wurden bereits im 19. Jahrhundert verstärkt Stimmen unter der Potsdamer Bevölkerung laut, die aufgrund der immer wiederkehrenden Luftverpestung durch den Stadtkanal, der lange auch als Kloake genutzt wurde, seine Zuschüttung forderten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen bei der Enttrümmerung der Stadt Trümmer, Schrott, Schutt und versunkene Kähne in den Kanal. Doch bereits im September 1945 nahm man das Aufräumen und Ausbaggern der Gracht in Angriff. Unter Aufbringung erheblicher Mittel wurde die Ausbaggerung und Instandsetzung des Kanals in den folgenden Jahren fortgesetzt. Eine der letzten Aktionen zur Erhaltung und Pflege des Kanals wurde mit Beginn der fünfziger Jahre durchgeführt. Die Breite Brücke inklusive der Sandsteinfiguren wurden restauriert. Danach schwand vermutlich aufgrund der fehlenden Mittel und der Wende in der architektonischen Ausrichtung der SED von einem regionalen Historismus hin zur Ostmoderne und dem industriellen Bauen das Interesse am Stadtkanal und am historischen Bild der Stadt. Am 3. Mai 1961 wurde auf einer Sitzung des Potsdamer Stadtrates dann die schnellstmögliche Zuschüttung des Kanals beschlossen.

Der Kanal war verschüttet, aber die nicht Erinnerungen an ihn. Nach der Wiedervereinigung entstand in Potsdam zunehmend wieder ein Interesse an der WiederbelebungStadtkanal in Potsdam 2013 des historischen barocken Stadtbildes aus der Zeit Friedrich des Großen. Prägnantester Ausdruck dieses neuen Verständnisses ist der Wiederaufbau des barocken Stadtschlosses von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Auch der Stadtkanal soll nach dem Willen vieler Potsdamer sukzessive wieder in seinem barocken Bild und Verlauf aus der Zeit Friedrich II. wiederaufgebaut werden. Erste Teilstücke sind bereits fertig gestellt (Abb. 7). Die komplette Rekonstruktion der ehemals "Königlichen Gracht" wird allerdings wohl aufgrund fehlender finanzieller Mittel noch einige Zeit auf sich warten lassen.

Literatur & Quellen:

Gülzow, Albrecht / Herrmann, Peter (1997) Der Potsdamer Stadtkanal, Potsdam.
Manger, Heinrich Ludewig (1789) Baugeschichte von Potsdam, Bd. 1-3, Berlin.

Private und öffentliche Stadtrundgänge von Clio Berlin Stadtführungen zum Thema des Artikels