Die Niobidengruppe von Florenz und das Königliche Schauspielhaus

Giebelfeld Konzerthaus Berlin

Königliches Schauspielhaus von Karl Friedrich Schinkel (Florian Müller-Klug / CC-BY-SA 3.0)

Im Giebelfeld der Vorhalle des 1821 eröffneten Königlichen Schauspielhauses von Karl-Friedrich Schinkel auf dem Gendarmenmarkt, einem Hauptwerk des Klassizismus in Deutschland, findet sich ein Relief mit der Darstellung des griechischen Mythos der Niobe. Das Relief mit Niobidengruppe ist Bestandteil eines umfassenden und erstaunlich kohärenten Bildprogramms, welches Schinkel für den Außenbau des Bauwerks schuf. Das Programm besteht insgesamt aus vier Giebelfeldern, sowie 13 Statuen und Skultpurengruppen. Ausgeführt wurden die plastischen Arbeiten von den führenden Berliner Bildhauern der Zeit: Christian Daniel Rauch und Friedrich Tieck.

Zentraler Bezugspunkt der Ikonographie ist der auf dem Dachgiebel der Hauptfront postierte Apollon mit Greifengespann. Der Gott tritt hier als Apollon Musagetes in Erscheinung, also in seiner Funktion als Führer der 9 Musen. Die 9 Musen sind als Giebelakrotere auf die vier Giebel des Gebäudes verteilt. Die drei den Portikusgiebel der Hauptfassade bekrönenden Musen vermitteln die ursprüngliche Funktion des Gebäudes als Schauspiel- und Konzerthaus: Thalia (Komödie), Polyhymnia (Gesang) und Melpomene (Tragödie). Ihnen ist thematisch jeweils eines der vier Giebelfelder zugeordnet mit Darstellungen aus der antiken Sagenwelt. Der Nordgiebel zeigt ein Bacchanal, einen rauschhaft-ekstatischen Triumphzug des Gottes Bacchus, der die Komödie versinnbildlicht. Auf dem Südgiebel befindet sich die Darstellung der Befreiung der Eurydike aus der Unterwelt durch Orpheus, die Musik repräsentierend. Für die Tragödie steht die Niobidengruppe im Giebelfeld des Portikus, die die tragische Geschichte der Niobe erzählt.

Niobidengruppe Giebelfeld Königliches Schauspielhaus

Portikusgiebel, Giebelakrotere sowie Basis und Kapitell einer ionische Säule - Blatt 12 der »Sammlung Architektonischer Entwürfe« von 1821 (Behr/Hoffmann 1984, S. 101)

Der Mythos der Niobe berichtet von der grausamen Bestrafung der Tochter des Tantalos und Gemahlin des thebanischen Königs Amphion, für ihre Überheblichkeit: Niobe hatte je 7 Knaben und Mädchen (gemäß anderen Sagenversionen auch mal je 6, 9 oder gar je 10 Söhne und Töchter). Mit ihrem Kinderreichtum prahlte sie sogar vor der Göttin Leto. Diese hatte ‚nur‘ zwei Kinder, die Zwillinge Apollon und Artemis, und fühlte sich deshalb gekränkt. Um ihre Mutter zu rächen, haben Apollon und Artemis alle Söhne und Töchter der Niobe mit ihren Pfeilen nie­dergestreckt. Diese Bestra­fung ist in ihrer Masslosigkeit ein Sinnbild für göttliches Walten, das über alles Begreifen geht, aber auch ein Mahnmal gegen menschliche Hybris. Das Giebelrelief bildet nicht die strafenden Göt­ter ab, sondern beschränkt sich allein auf die Darstellung der Opfer, indem es das Leid der Kinder und die Ver­zweiflung der Mutter betont. Zu sehen ist der Moment, indem bereits alle Kinder entweder Tod oder tödlich verwundet sind, bis auf das Jüngste, ein Mädchen, das sich schutzsuchend an die Mutter klammert. Diese Szene stellt die zentrale Doppelfigur dar: Niobe hält in einer abwehrenden Geste die Hand über sich und das Kind und bittet die strafenden Götter, ihr dieses letzte ihrer Kinder zu lassen. Kurz danach traf nach der mythischen Überlieferung auch das Mädchen der tödliche Pfeil.

Niobidengruppe Ufizien Florenz

Niobidengruppe in den Ufizien von Florenz (Florian Müller-Klug / CC-BY-SA 3.0)

In der Art und Weise der Illustration des Niobe-Mythos bezieht sich Schinkel und der ausführende Bildhauer Friedrich Tieck ganz im Geiste des griechisch inspirierten Berliner Klassizismus auf die berühmte Niobidengruppe von Florenz. Diese besteht aus zehn fragmentierte Marmor­statuen, die 1583 auf einem Weingut in der Nähe von San Giovanni in Laterano bei Rom aufgefunden wurden. Bei den Statuen handelt es sich um antike römische Kopien einer zerstörten ursprünglich griechischen Gruppe aus dem späten 4. Jh. v. Chr. Seit 1781 wird die Gruppe in einem eigens hergerichteten Saal in den Uffi­zien in Florenz ausgestellt. Während die heutige Forschung eher davon ausgeht, das die Skulpturen für eine lose Aufstellung im Freien erschaffen wurden, glaubte man zur Zeit Schinkels an eine Nebeneinander­reihung der Figuren in einem Giebel eines griechischen Tempels. Tieck arbeitete das in Sandstein ausgeführt Relief teilweise getreu nach den Figuren der antiken Niobidengruppe, die er in Ufizien studiert hatte. So wurde diese äußerst seltene Überlieferung einer antiken griechischen Figurengruppe vermeintlich aus einem antiken griechischem Tempelgiebel stammend zum Vorbild für die Niobidengruppe im Giebelfeld des Königlichen Schauspielhauses. Diese Wiederverwendung einer griechisch-antiken Komposition an einem Neubau durch Abgüsse, Kopien oder Rekonstruktionen gehört zu den charakteristischen Erscheinungen der Architektur und der Kunst des Klassizismus in Berlin.

 

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