»Brutalität in Stein« - Der Zusammenhang von Architektur und Ideologie des Nationalsozialismus in einem Film von Alexander Kluge und Peter Schamoni

»Brutalität in Stein« von Alexander Kluge & Peter Schamoni aus dem Jahr 1961

In dem Film »Brutalität in Stein« von Alexander Kluge und Peter Schamoni wurde bereits 1961 der Zusammenhang zwischen Architektur - insbesondere der Partei- und Prestigebauten - und Ideologie des Nationalsozialismus herausgearbeitet. Die Hinterlassenschaften der NS-Architektur (Bauwerke, Ruinen, Modelle, Baupläne, Skizzen), so die These des Films, kann die Ideologie der Nationalsozialisten und die Erinnerung an die NS-Zeit überhaupt lebendig werden lassen und dem Betrachter »vom Geiste Ihrer Erbauer« zeugen.

Zunächst zeigt der Film das »Nürnberger Parteitagsgelände«. In kurzen Einstellungen rücken Gebäudeteils, einzelne »Motive«, wie es der OFF-Kommentar nennt, ins Bild. Gezeigt werden Ecken und Kanten. Diese »Motive« werden mit Tonfragmenten aus »Wochenschauen«, mit faschistischen Liedern und ekstatischen Massenjubel und »Heil«-Rufen untermalt. Trommelwirbel unterstreicht den soldatisch-strengen Charakter der Architekturdetails. Gesteigert wird die Imagination des soldatischen durch das Zeigen breiterer Motive von langen Reihungen immer gleicher Bauelemente, ebenfalls mit Trommelwirbel unterlegt.

Der Film verdeutlicht hier ein wesentliches Merkmal der NS-Architektur, welches acht Jahre später der Kunsthistoriker Karl Arndt benannt hat: Monotones Aufreihen von Motiven, wie bspw. Pfeiler und Säulen, hartkantiges Formen und scharfes Trennen der Details. [1] Insbesondere die in regelmäßigen Abständen angebrachten turmartigen Aufbauten geben der Architektur einen fortifikatorischen Charakter. Der Kunsthistoriker Hans-Jochen Kunst beschreibt die ideologische und architekturphsychologische Funktion dieser Bauwerke: Menschen wie Angehörige militärförmiger Kolonnen und Marschblöcke anzusprechen und zu einer »opfer- und kriegsbereiten ›Volksgemeinschaft‹ zu formen«. [2] Man denke an die in Blöcken geordneten Massenaufmärsche auf den »Reichsparteitagen«. Die Architektur dient somit der Militarisierung der Massen. Prägnant formuliert kann eine solche Architektur, so der Kunsthistoriker Hans-Ernst Mittig, als »architektonischer Militarismus« bezeichnen werden. [3]

Im nächsten Abschnitt des Films fährt die Kamera durch Pfeilerhallen und hallenartige Räume der Zeppelinhaupttribüne auf dem »Reichsparteitagsgelände«. In der Intention des Architekten Albert Speer sollten diese Architekturmotive, gemäß ihres Rückgriffs auf die Stilistik des Klassizismus, Erhabenheit und Festlichkeit ausdrücken, dem Gebäude eine sakrale Aura verleihen. Speer nennt für die Zeppelinhaupttribüne den Pergamonaltar als ein Vorbild und wollte hier eine Kult- oder Weihestätte des Faschismus und des Führerkultes inszenieren. Der Film bricht die architektonische Intention Speers radikal, indem beim schweifen der Kamera durch die Räume Aussagen des Lagerkommandanten des KZ-Auschwitz Rudolf Höß über den Ablauf des Vergasens von Juden verlesen werden. Am Ende dieser Sequenz stürzt die Kamera ins dunkle: Der Sturz in den zivilisatorischen Abgrund Auschwitz.

Das folgende Bauwerk, welchem sich der Film widmet, ist die Ruine der unvollendeten Kongresshalle der Architekten Ludwig und Franz Ruff auf dem »Reichsparteitagsgelände«. Der Gigantismus, die Masstabslosigkeit der NS-Architektur wird hier durch die Einspielung von O-Tönen von »Wochenschau»-Sequenzen herausgestellt, in denen des Attribut der »Größe« triumphal verkündet wird.

Dann wendet sich der Film anhand von Planskizzen, »Ideenskizzen« Hitlers und Miniaturmodellen dem zu, was der Nationalsozialismus baupolitisch geplant hatte, aber nicht mehr in die Tat umsetzen konnte: faschistische »Zukunftsbilder« im Konjunktiv. [4] Zunächst hinterlegt mit einem Hitler O-Ton: »Nur der kleinste Geist kann das Leben einer Revolution ausschließlich in der Vernichtung sehen. Wir sahen es im Gegenteil in einem gigantischen Aufbau!« Es folgen Fliegeralarm-Sirenen und Bombeneinschlagsgeräusche, die als akustisches Symbole der Zerstörung der deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg Hitlers Diktum vom »gigantischen Aufbau« anstatt »Vernichtung« konterkarieren. Der Schluss des Films kommentiert auch visuell die Resultate des »gigantischen Aufbau«: Ein Trümmerfeld in Stein - die Ruinen des »Reichsparteitagsgeländes«. Sarkastisch werden Fanfaren der »Wochenschau« von den Geräuschen übereinanderprasselnder Steine verlängert. Die Botschaft ist eindeutig.

Anmerkungen

[1] Arndt, Karl, »Die ›Ehrentempel‹ und das Forum der NSDAP am Königsplatz in München und ihre Position in der jüngeren Geschichte des architektonischen Denkmalgedankens«, in: Kunstchronik, 21, 1968, S. 395-398.
[2] Kunst, Hans Jochen, Architektur und Macht. Überlegungen zur NS-Architektur, in: Arch+, 73, 1983, S. 63-65.
[3] Mittig, Hans-Ernst, NS-Stil als Machtmittel, in: Schneider, Romana/Wang, Wilfried (Hg.), Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis 2000. Macht und Monument, Ostfildern-Ruit 1998, S. 101-116.
[4] Wenzel, Eike Friedrich, Baustelle Film. Kluges Realismuskonzept und seine Kurzfilme, in: Schulte, Christian (Hg.), Die Schrift an der Wand - Alexander Kluge. Rohstoffe und Materialien, Wien 2012, 117-137.

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