Schloss und Park Charlottenhof - Ein Arkadien

Das Gesamtkonzept

Schloss Charlottenhof von Karl Friedrich Schinkel

Schloss Charlottenhof vom Karl Friedrich Schinkel (© Florian Müller-Klug)

Kronprinz Friedrich Wilhelm heiratete am 29. November 1823 die Prinzessin Elisabeth Ludovika von Bayern. Traditionell führte das Kronprinzenpaar einen eigenen Hof. Die erhöhte Repräsentation durch die eigene Hofhaltung bedurfte einer Sommerresidenz. Diese ließ sich Friedrich Wilhelm auf einem von seinem Vater Friedrich Wilhelm III. zu Weihnachten 1825 geschenkten 65 ha großen Areal an der Südseite des Parks Sanssouci in Potsdam von Karl-Friedrich Schinkel und Peter Joseph Lenné errichten. [1] Der Kronprinz wollte sich mit Charlottenhof sein persönliches Arkadien errichten: ein poetisches Traumland, ein irdisches Paradies, ein idyllischer Ort orientiert am Leben in einer antiken Villa Urbana eingebettet in eine südliche Landschaft. Entsprechend finden sich Einflüsse von antiken italienischen Villen oder sich ebenfalls an diesen orientierenden italienischen Renaissancevillen auf die Architektur von Wohnhaus, Garten und Park.

Plan von Schloss Charlottenhof von Gerhard Koerber nach Peter Joseph Lenné von 1839

Plan von Charlottenhof oder Siam von Gerhard Koeber (1839)

Schinkel verarbeitete in seinen Entwürfen für das Schloss die Eindrücke seiner Italienreisen, die Erkenntnisse seiner Zeit aus den archäologischen Ausgrabungen in Pompeji und Rom, sowie die ihm durch die Buchveröffentlichungen bekannten antiken Bauwerke Athens. Friedrich Wilhelm nahm von Anfang an starken Einfluss auf die Planung und Umsetzung. Er lieferte in Form von Zeichnungen zumeist sehr genaue Vorgaben, sie können aber auch parallel zu den Entwürfen Schinkels entstanden sein. Wie hoch Friedrich Wilhelm seinen eigenen Anteil an der Entstehung der Anlage einschätzte, offenbart, dass er einige seiner Skizzen "Frederico Siamese-Architetto" oder als Fr. Siamhouse, Architect) signierte. Als "Siam" bezeichnete als erster sein Vater die Besitzung, die sein Sohn dann übernahm. Siam war zur damaligen Zeit ein bestehendes Königreich ungefähr im heutigen Thailand und Kambodscha gelegen und bezeichnete nach dem damaligen Verständnis das "Land der Freien", da es in seiner Geschichte von keiner fremden Macht beherrscht wurde, gleichsam ein Arkadien. (vgl. Adler 2012, S. 1f)

Das Schloss

Um ausschweifenden Bauphantasien Einhalt zu gebieten durfte die künftige Sommerresidenz des Kronprinzen, so wollte es der König, die Grundmauern des vorhandenen Gutshauses nicht überschreiten. (vgl. Senn 2013, S. 169) Da bot es sich an, aus Kostengründen von der vorhandenen Bausubstanz so viel wie möglich zu erhalten. Schinkel übernahm also weitgehend die Grunddisposition des Gutshauses, nutze diese geschickt und wandelte es in eine klassizistische schlossähnliche Villa um. (vgl. Hoffmann 1985, S. 15) Auch der Name Charlottenhof geht auf das von Maria Charlotte von Gentzkow erbaute Gutshaus zurück.

Das Schloss Charlottenhof präsentiert sich mit einem geböschten leicht rustizierten Sockelgeschoss mit niedrigen schmucklos ausgeschnitten Fenstern. Die Fenster im Obergeschoss sind wesentlich höher. Mit breiten Faschen und einer leichten geraden Überdachung versehen orientieren sie sich an antiken Vorbildern, ähneln die Faschen der Fenster denen des Tempels der Minerva Polias in Athen. Die Fenster zieren zusätzlich in Blautönen bemalte Brüstungen und Fensterläden. Die Mittelrisalite der West- und der Ostfront des Gebäudes sind jeweils mit einem Giebel bekrönt und mit einem flachen Satteldach miteinander verbunden, wodurch der Effekt eines in das Gebäude eingeschobenen Tempels entsteht. An der Westfront - der Eingangsseite des Schlosses - ist der Mittelrisalit zu einem monumentalen Portal ausgestaltet. Der Risalit wird durch ein Stufenpodest mit zwei Rundbänken hervorgehoben und hebt sich von der Fassade durch eine imitierte Quadertechnik ab. Der von einer breiten Fasche gerahmte Haupteingang wird von jeweils drei rechtwinkligen Säulen in zwei Eingänge und zwei Oberlichter segmentiert und erinnert an das Thrasyllos-Monument (320 v. Chr.) in Athen, welches Schinkel bereits am Schauspielhaus als Vorlage verwendet hat.

Schloss Charlottenhof von Karl Friedrich Schinkel Haupt-Portal

Schloss Charlottenhof, Karl Friedrich Schinkel, Portal

Auf das Thrasyllos-Monument in der Schinkel bekannten Rekonstruktion durch James Stuart und Nicholas Revett von 1762 verweist auch das Fries aus Lorbeerkränzen unter dem Fontispiz. Über dem Haupteingang verläuft ein Akanthusranken-Ornament. Der Giebel ist durch Palmetten-Akrotere bekrönt. Das Thrasyllos Monument aus "The Antiquities of Athens" als Vorbild für das Portal von Schloss CharlottenhofDem Mittelrisalit des Haupteinganges entspricht an der Ostfront des Schlosses ein klassischer Portikus mit dorischer Säulenordnung, der das Gebäude zur Gartenseite und Terrasse hin öffnet.

Die beiden Seitenflügel sind mit einem Flachdach gedeckt, welches durch eine umlaufende Attika verdeckt wird. Das im Obergeschoss befindliche Wohngeschoss wird von zwei Gurtgesimsen gegen das niedrige Erdgeschoss und die Attikazone wirkungsvoll abgesetzt. Die strenge Fassadengestaltung wird durch einen halbrunden Erker an der Nordseite aufgelockert. Das sich hierdurch aus der Draufsicht ergebende Motiv eines Kubus mit einer apsidialen Ausbuchtung taucht als Leitmotiv (im Weiteren "Kubus-Apsis-Motiv") auch in der Gartengestaltung immer wieder auf. Die Anregung für diese apsidiale Ausbuchtung und dessen Nutzung als Schlafzimmer könnte auf die Villa des Diomedes in Pompeji zurückgehen. Schinkel hat im September 1817 ausgiebig Pompeji besichtigt und wird dort sicherlich auch die Villa Diomedes angeschaut haben. Der Grundriss des Gebäudes Villa Diomedes als Vorbild für die absidiale Ausbuchtung von Schloss Charlottenhofund die Nutzung des apsidialen Raumes als Schlafzimmer mit Alkoven war u.a. auch durch den 1782 erschienenen Band von Jean Claude Richard de Saint Non "Voyage Pittoresque Ou Description Des Royaumes De Naples Et De Sicile" bekannt. (Saint Non 1782, Tafel 79) Saint Non beschreibt auch die Nutzung dieses Raumes, die sich in der Anordnung des Alkovens und in der Ausrichtung der drei Fenster mit Charlottenhof deckt. "Es gab [hier] ... eine markierte Stelle für eine echte Alkove, eine Garderobe und drei Fenster die zum Garten hinausgehen". (Saint Non 1782, S. 131) 

Die Terrasse

Plan Charlottenhof Gerhard Koerber nach Lenne 1839 detailUnmittelbar zum Schloss gehört die östlich vorgelagerte auf das Niveau des Wohngeschosses angelegte großflächige Terrasse. Die rechteckige Terrasse wird nach Osten von einer Exedra abgeschlossen wodurch sich ein weiteres Mal das Kubus-Apsis-Motiv ergibt. Drei Treppenläufe ermöglichen von Norden und Osten her den Zugang zu dieser intimen Gartenanlage, die durch Wasserspiele und Plastiken bereichert wird. Den Mittelpunkt bildet eine Schalenfontäne,  von der schmale Rinnen das Wasser zu den beiden halbrunden Bassins leiten. Das halbrunde Bassin vor dem Portikus bildetet zusammen mit dem tempelartigen mittleren Baukörper des Schlosses erneut das Kubus-Apsis-Motiv. Villa Albani als Vorbild für die Terrassengestaltung von Schloss CharlottenhofAls Vorbild für die Terrasse kann in erster Linie der Grundriss der mittleren Terrasse im Garten der Renaissanceanlage der Villa Albani bei Rom gelten. Ein Grundriss der Gartenanlage fand sich bei Percier und Fontaine und war sicherlich Schinkel und dem Kronprinzen bekannt. (Percier/Fontaine 1809, Tafel 2; vgl. Hoffmann 1985, S. 15) Als weitere Vorlage insbesondere für die Wasserspiele wird der Löwenhof im Comares-Palast der Alhambra in Granada genannt. (Adler 2013, S. 13) Die Exedra ist mit dem südlichen Schlossflügel durch eine Pergola - die auch den südlichen Abschluss der Terrasse bildet - und eine Vorhalle verbunden. Nach Norden neigt sich die Terrasse einem Wasserbecken zu, das ebenfalls eine kreisrunde Ausbuchtung hat und zusammen mit der Terrasse abermals das "Kubus-Apsis-Motiv" nach Norden ausgerichtet aufnimmt.

Anmerkungen

[1] Antje Adler, Schloss Charlottenhof und Römische Bäder im Park Sanssouci, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Berlin/München, 2013, S. 2-3.