Hitlers Büros in Berlin: Reichskanzlei und Neue Reichskanzlei

Arbeitszimmer von Adolf Hitler in der Neuen Reichskanzlei von Albert Speer von 1939

Neue Reichskanzlei Arbeitszimmer Adolf Hitler (© Bundesarchiv, Bild 183-J31305 / CC-BY-SA 3.0)

Die Büros oder Arbeitszimmer Adolf Hitlers in Berlin spiegeln sinnbildlich Aufstieg und Fall des Politikers Hitler wider. Sie stehen für Hybris und Anspruch auf absolute Herrschaft im Inneren, wie dem außenpolitischen Ziel der Weltherrschaft. Hier werden die Arbeitszimmer Hitlers in der Reichskanzlei und der Neuen Reichskanzlei in der Wilhelmstraße vorgestellt.

Das »Dienstgebäudes der Reichskanzlei« genügt nicht den Ansprüchen zur Repräsentation

Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 bezog Hitler das Arbeitszimmer des Reichskanzlers im erst drei Jahre zuvor eingeweihten modernen »Dienstgebäude der Reichskanzlei« von Eduard Jobst Siedler in der Wilhelmstraße 78. Die Wohn- und Repräsentationsräume des Reichskanzlers befanden sich im angeschlossenen Reichskanzlerpalais. [1] Dieses barocke Adelspalais wurde erstmalig von Bismarck 1878 als Wohn- und Amtssitz des Reichskanzlers genutzt. [2]

Bereits im Sommer 1933 vergab Hitler an Paul Ludwig Troost den Auftrag für einen umfassenden Umbau des Reichskanzlerpalais. Mit der Ausführung von dessen Entwürfen beauftragte Troost, einem Tipp Goebbels folgend, das junge Parteimitglied Albert Speer, der nach dem Tode Troost im Januar 1934 dessen Rolle als Hitlers Leibarchitekt übernehmen sollte. Gleichzeitig, im Oktober 1933, wurde Speer beauftragt, entwürfe für eine neue Raumaufteilung des Dienstgebäudes anzufertigen. [3] Hitler ließ sich hier im größten Raum, dem noch zur Bausubstanz des Reichskanzlerpalais gehörenden »Rote Saal« sein über 100 Quadratmeter großes Arbeitszimmer errichten. [4] Das vorherige, erst drei Jahre zuvor erstmals vom damaligen Reichskanzler Heinrich Brüning bezogene Arbeitszimmer im »Dienstgebäude der Reichskanzlei« entsprach nicht Hitlers Ansprüchen an Repräsentation. Es mute, so Hitler, »in Größe und Gestaltung etwa dem geschmacklosen Zimmer eines Generalvertreters für Zigaretten und Zigarren in einem mittleren Unternehmen« an. [5]

Die Neue Reichskanzlei als »Symbol des Großdeutschen Reiches«

Grundriss der Neuen Reichskanzlei von Albert Speer von 1939 mit Enfilade

Grundriss der Neuen Reichskanzlei von Albert Speer von 1939 mit Enfilade

Kurz nach der Fertigstellung der neuen Wohnräume für Hitler im Reichskanzlerpalais und dem darauffolgenden Umbau des nagelneuen »Dienstgebäudes der Reichskanzlei« begannen bereits die Planungen für einen Erweiterungsbau der Reichskanzlei, der in seiner Dimension dem Geltungs- und Repräsentationsanspruch Hitlers und des »Dritten Reichs« gerecht werden sollte: die Neue Reichskanzlei. [6] Die Neue Reichskanzlei wurde von Speer in erster Linie in Hinsicht auf die architektonische Darstellung von Macht und Herrlichkeit von Führer und Reich entworfen; [7] als »Symbol des Großdeutschen Reiches«. [8] Die Zweckbestimmung als Dienstsitz von drei Behörden (der »Kanzlei des Führers«, der »Reichskanzlei« und der »Präsidialkanzlei«) rückte vollständig in den Hintergrund. [9]

Die Grundidee Speers bei dem auf Repräsentation angelegten Gebäude war die Schaffung einer möglichst prachtvollen und langgestreckten, die Besucher beeindruckende Raumfolge, der »Diplomaten-Route«. Diese 300 Meter lange Raumflucht begann am Eingangsportal in der Wilhelmstraße mit dem monumentalen »Ehrenhof«, führte dann über eine Vorhalle in den »Mosaiksaal«, den »Runden Saal«, die »Marmorgalerie« in den »Empfangssaal« oder in das riesige »Arbeitszimmer des Führers«. Dieses Architekturkonzept griff auf die »Enfilade« der barocken Schlossarchitektur zurück, dem repräsentativen, durch kostbar ausgestattete Räume führenden Weg zum absoluten Herrscher. Auch die Bezeichnung der Räume »Ehrenhof«, »Mosaiksaal«, »Marmorgalerie« geht auf Benennungen der Schloßarchitektur zurück. [10] Allerdings sollten die Maßstäbe barocker Prachtentfaltung noch gesteigert werden. Die Länge der »Marmorgalerie« (146m) übertraf den »Spiegelsaal von Versailles« (73m) exakt um das Doppelte. So sollte mit dem Bauwerk der Anspruch der NS-Führung auf eine deutsche Dominanz in Europa eindrucksvoll verdeutlicht, der »Schandvertrag von Versailles« symbolhaft ausgelöscht und zumindest architektonisch die Niederlage des Ersten Weltkrieges in einen Sieg umgewandelt werden. [11]

Das Arbeitszimmer Hitlers als »Thronsaal« und »anschaulicher Teil des Führer-Mythos«

Am 4. Februar 1938 entließ Hitler die militärische Spitze und übernahm den Oberbefehl über die Wehrmacht. [12] Er vereinigte damit als absoluter Herrscher Partei, Staat, Wehrmacht und Recht in seiner Person. Das Arbeitszimmer Hitlers in der Neuen Reichskanzlei diente der Repräsentation und Darstellung seiner Machtfülle. Es war in seiner Bedeutung durch seine Größe, seine Ausstattung, seine Lage innerhalb des Gebäudes und aufgrund der hinführenden Enfilade eindeutig als ein »Thronsaal« definiert. [13] So lag es zentral im Mittelteil der drei Flügel der Neuen Reichskanzlei, der durch seine architektonische Ausgestaltung seiner Fassaden deutlich von den anderen Flügeln abgehoben war. Insbesondere auf der Gartenseite ist das Arbeitszimmer durch den Portikus mit gekuppelten Säulen hierarchisch deutlich aufgewertet. [14] Auch in der inneren Ausgestaltung wurde eine immense Prachtentfaltung gefrönt: Das Zimmer war 9,75 Meter hoch und hatte eine Grundfläche von knapp 400 Quadratmetern. Die Wandflächen bestanden aus dunkelrotem Limbacher Marmor und eingetieften Feldern von Palisander, Rosenholz und Wurzelholz. Aus Palisander waren auch die Balken der Kassettendecke, die Füllungen aus Rosenholz gefertigt. Auf dem Fußboden aus Ruhpoldinger Marmorplatten lag ein fasst raumgroßer Teppich auf dem wiederum kleinere gelegt waren. Die Sitzmöbel am Kamin waren mit Brokat bezogen. Ansonsten stand in dem Zimmer ein großzügig dimensionierter, mit Intarsien verzierter Schreibtisch dessen Platte mit rotem Leder bespannt war. Ein großer Kartentisch mit einer aus einem Stück gefertigten fünf Meter langen und 1,60 Meter breiten Marmorplatte stand vor den raumhohen Fenstertüren, hinter denen der Säulenportikus über eine Terrasse in den Garten führte. [15]

Gartenfront der Neue Reichskanzlei von Albert Speer

Gartenterasse hinter Arbeitszimmer Adolf Hitler (©Bundesarchiv, Bild 146-1985-064-24A / CC-BY-SA 3.0)

Hitler arbeitete nicht in diesem Zimmer. Wenn er überhaupt mal am Schreibtisch arbeitete, dann tat er dies meist in seinem Büro im Reichskanzlerpalais. Das Arbeitszimmer diente, wie das nicht als Arbeitsgebäude einer Behörde geeignete Gesamtbauwerk, der Bildung des Mythos eines »arbeitenden Reichskanzlers« (der Hitler nie auch nur im Ansatz war) und der »Repräsentation der Arbeit als Symbol der Macht«. Bei dem Zimmer handelt es sich somit um einen »anschaulichen Teil des Führer-Mythos«. [16]

Die Neue Reichskanzlei als architektonisches Machtinstrument

Am 12. Januar 1939 fand der erste und - aufgrund des im selben Jahr beginnenden Zweiten Weltkriegs - einzige Neujahrsempfang des diplomatischen Korps in der Neuen Reichskanzlei statt. Vertreter aus 52 Staaten nahmen daran teil [17] und konnten nach dem Anschluß Österreichs und dem Münchener Abkommen, die Neue Reichskanzlei als Symbol des Großdeutschen Reiches erleben. Zu diesem Zeitpunkt war die Weisung Hitlers zur »Erledigung der Rest-Tschechei« bereits erfolgt. [18] Zur Erreichung dieses Zieles wurde auch die Neue Reichskanzlei als architektonisches Machtinstrument genutzt. Am 14./15. März 1939 wollte hier Hitler den 66jährigen tschechischen Staatspräsidenten Hácha und dessen Außenminister Chvalkovsky »weichkochen«. Die Repräsentanten des kleinen Rest-Landes sollten zur ›freiwilligen‹ Unterwerfung unter ein deutsches Besatzungsregime gedrängt werden. Zu diesem Zweck erwiesen sich die Räumlichkeiten der Neuen Reichskanzlei als ideal. Über den eigentlichen Verhandlungsgegenstand im Unklaren gelassen, wurden Hácha und sein Begleiter zunächst die 300 Meter lange »Diplomaten-Route« durch die Prunksäle des Gebäudes entlanggeführt und dann im riesigen Empfangssaal alleingelassen. Erst nach mehreren Stunden, gegen 1 Uhr nachts, wurden sie schließlich in Hitlers Arbeitszimmer gebeten. Dort traktierte sie der von Offizieren eingerahmte Hitler mit seinen berüchtigten anklagenden und drohenden Monologen, bis Hachá ohnmächtig wurde. Der für diesen - kalkulierten - Fall bereitgehaltene Leibarzt Hitlers, Dr. Morell, konnte ihm schnell wieder auf die Beine helfen. [19] Schließlich unterzeichnete der Staatspräsident der Rest-Tschechei, vor die Alternative gestellt, »die Tschechei« von Wehrmachtstruppen besetzen und Prag bombardieren zu lassen oder das »Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches« zu legen gezwungenermaßen einen »Protektoratsvertrag«. Der Einmarsch der Wehrmacht begann in den frühen Morgenstunden des 15. März. [20]

Hier geht es zum zweiten Teil: Hitlers Büros in Berlin: »Führerpalast« und »Führerbunker«

Anmerkungen

[1] Laurenz Demps, Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, Berlin 2010, S. 158.
[2] Hans Wilderotter, Alltag der Macht. Berlin Wilhelmstraße, Berlin 1998, S. 295.
[3] Angela Schöneberger, Die Neue Reichskanzlei von Albert Speer. Zum Zusammenhang von nationalsozialistischer Ideologie und Architektur, Berlin 1981, S. 23.
[4] Wilderotter, S. 306.
[5] Adolf Hitler, Die Reichskanzlei, in: Die Kunst im Deutschen Reich, 1939, Bd. 7, S. 297.
[6] Schöneberger, S. 42-44.
[7] Wilderotter, S. 82.
[8] Herrmann Giesler, Symbol des Großdeutschen Reiches, in: Die Neue Reichskanzlei. Architekt Albert Speer, München 1940, S. 10.
[9] Schöneberger, S. 160-161.
[10] Ebd., S. 111-112.
[11] Ebd., 112.
[12] Daniel Wosnitzka, Adolf Hitler 1889-1945, in: Lebendiges Museum Online. Deutsches Historisches Museum, URL: https://www.dhm.de/lemo/biografie/adolf-hitler, Berlin 17.6.2015, abgerufen am 16.6.2016.
[13] Schöneberger, S. 110.
[14] Ebd.
[15] Schöneberger, S. 104-115.
[16] Wilderotter, S. 82.
[17] Dietmar Arnold, Neue Reichskanzlei und »Führerbunker«. Legenden und Wirklichkeit, Berlin 2006.
[18] zitiert nach: Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Band 1. Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2001, S. 63.
[19] Arnold.
[20] zitiert nach: Claudia Prinz, Die Zerschlagung der Rest-Tschechei, in: Lebendiges Museum Online. Deutsches Historisches Museum, URL: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/aussenpolitik/zerschlagung-der-rest-tschechei-1939.html, Berlin 16.10.2015, abgerufen am 16.6.2016.

Stadtführung Berlin im Nationalsozialismus und Drittes Reich