Gezwungen zum Hausbau in der Friedrichstadt 1734 - Das Schicksal des Karl Gottlob von Nüßler

Berlin 1740 - Karte von Matthaus Seutter

Berlin 1740 - Karte von Matthias Seuter (oben rechts vor den Befestigungswällen die Friedrichstadt mit den geoemetrischen Plätzen: dem »Octogon« und dem »Rondell«)

Viele deutsche Fürsten des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts kämpften um Bevölkerungszuwachs. Der Absolutismus brachte neue Aufgaben mit sich: eine zentralisierte Verwaltung, ein stehendes Heer, eine ausufernde Hofhaltung und den Bau von prachtvollen Residenzen. Die dafür benötigten Gelder erhoffte auch Kurfürst Friedrich III. (ab 1701 König Friedrich I.), durch eine Erhöhung der Einnahmen aus der Akzise zu erlangen. Diese Verbrauchsteuer wurde in Berlin auf alle einführenden Waren erhoben, weshalb ihr Aufkommen stark von der Einwohnerzahl abhing. So setzte Friedrich gleich nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1688 eine neue Stadterweiterung ins Werk, die er nach seinem eigenen Namen Friedrichstadt nannte. (Demps 77-81)

Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm I. (der Soldatenkönig) setzte den Ausbau der Friedrichstadt nach seinem Regierungsantritt 1713 nach einigen Jahren des Stillstandes ab 1721 fort. Wie Friedrich I. erhoffte er sich Zuwanderung durch Glaubensflüchtlinge, wie Hugenotten aus Frankreich, Protestanten aus Böhmen, Schweizer Calvinisten und Juden. Diese wurden durch allerlei Begünstigungen, wie Steuerbefreiungen, Schenkung des Baugrundes, Zurverfügungstellung von Baumaterial und nicht zuletzt der garantierten freien Ausübung ihrer Religion in die Stadt gelockt. (Demps 43-53) Ab 1732 begann Friedrich Wilhelm I. die Erweiterung der Friedrichstadt. Allerdings wollte der Soldatenkönig hier neben den oft einfachen Häusern, die die meist mittellosen Einwanderer zu bauen im Stande waren, auch ansehnlichere und kostspieligere Gebäude errichten lassen. Diese Bauten sollten durch Hofmitglieder und höhere preußische Beamte umgesetzt werden - und zwar auf höchsten Befehl und auf eigene Kosten. (Demps 2010 31-33)

Welche Folgen dies für einige dieser »Auserwählten« haben konnte, schildert eine Passage in der Lebensbeschreibung des Preußischen Geheimrats Karl Gottlob von Nüßler. Nüßler war auf Zureden seines Schwiegervaters, des Kanzlers von Ludwig, in preußische Dienste getreten und bekam trotz seiner Dienste in schwierigen diplomatischen Angelegenheiten Grund zu berechtigten Klagen, von denen die Lebensbeschreibung berichtet:

»Zu diesen Widerwärtigkeiten gesellte sich noch die sehr große, dass er Befehl erhielt, auf der Friedrichstadt ein Haus zu bauen. Der König Friedrich Wilhelm, welcher Berlin vergrößern wollte, ließ auf der Friedrichstadt ganze Straßen abstechen. Einige bauten sich daselbst gegen gewisse Vorteile, welche sie sich ausbedungen gutwillig an, die meisten aber wurden gezwungen zu bauen. Der Obrist von Derschau, welchem der König aufgetragen hatte, den Häuserbau zu besorgen, suchte diejenige aus, welche bauen sollten, legte das Verzeichnis derselben dem König zur Unterschrift vor und wenn diese erfolgt war, mussten die aufgeschriebene Personen bauen, sie mochten wollen oder nicht wollen. … Acht Personen ward ein großer und tiefer Sumpf mitten in der Friedrichstraße angewiesen, in welchem sie Häuser erbauen mussten, darüber sie meistens ganz verarmten.

Von Nüßler ging zu dem Obristen von Derschau und hielt ihm vor, dass er keinen Groschen Besoldung vom König erhalten, und ihm dennoch treue und wichtige Dienste … geleistet und während derselben ein Vermögen zugesetzt habe, so dass er nicht im Stande sei, ein Haus zu bauen, am wenigsten in einen Sumpf oder Morast. Der Obrist antwortete kurz: Der König will gebaut haben.

 … Es währte lange ehe von Nüßler sich in sein hartes Schicksal finden konnte. … Sein Schwiegervater gab von den ihm versprochenen Ehegeldern gegen 1500 Thaler her, seine Mutter versprach ihm, so viel Geld zu schicken als sie aufbringen könne und eine vornehme Freundin, deren Curator er war, schenkte ihm aus Mitleiden, und, wie sie sagte, seine Feinde zu schanden zu machen, die ihn von Berlin verjagen wollten eine beträchtliche Summe. Er fing also einen Hausbau an. Die Stelle, welche ihm angewiesen wurde, war ein Fischteich, aus welchem noch während des Rammens Karpfen hervor gezogen wurden, Es mussten Bäume, die 60 Fuß hoch waren, eingerammt werden … so dass bloß der Rost zu dem Hause an 4000 Thaler Kosten verursachte, und das ganze Haus, welches nach seiner Vollendung etwa 2000 Thaler Wert war, kostete 12000 Thaler. … Im Junius des 1734sten Jahr bezog von Nüßler sein Haus und bewohnte es bis 1748, da er aus Berlin zog; hierauf stand es viele Jahre leer und unbewohnt.« (Büsching 237-416)

Literatur

Büsching, Anton Friederich (1783): Beyträge zur Lebensgeschichte denkwürdiger Personen. Halle.

Demps, Laurenz (1987): Der Gensd’armen-Markt. Gesicht und Geschichte eines Berliner Platzes. Berlin.

Demps, Leurenz (2010): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, Berlin.