»Und Grüß mich nicht Unter den Linden« - Heinrich Heine in Berlin

Portraitzeichnung Heinrich Heine 1929

Portraitzeichnung Heinrich Heine 1929

Heinrich Heine war 23, als Autor nahezu unbekannt, Student der Jurisprudenz, als er im März des Jahres 1821 nach Berlin kam, um an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) zu studieren. Aufgrund einer Duellaffäre von der Göttinger Universität relegiert, von der dortigen Burschenschaft wegen eines Vergehens gegen die Keuschheit ausgestoßen, fand er in Berlin das Geist und Sinne anregenden Umfeld einer Großstadt, das ihn auch künstlerisch inspirierte. [1]

Der junge Student bewunderte die Theater, Bälle und Redouten, die Warenausstellungen in den Fenstern der Königsstraße, die Bäckereien mit ihren Kuchen und Baisers, die hübschen Berlinerinnen und die Straße Unter den Linden, an der er auch eine zeitlang im Haus Nr. 24 wohnte. Seine Erlebnisse und Beobachtungen auf den »Linden«, d e m Berliner Prachtboulevard, mit seinem auf und ab wogenden Strom der Spaziergänger und herrschaftlichen Kutschen, wurden von Heine in seinen berühmten »Briefen aus Berlin« ausführlich geschildert und in Gedichten verewigt; so etwa in einem kleinen Poem, dass 1824 in der Berliner Zeitschrift »Der Gesellschafter« veröffentlicht wurde:

»Blamier mich nicht, mein schönes Kind,
Und grüß mich nicht unter den Linden;
Wenn wir nachher zu Hause sind,
Wird sich schon alles finden.« [2]

Unter den Linden lag auch die Universität Heines, gegenüber der Königlichen Oper, wohin der Blick der Studenten sich sehnsuchtsvoll richtete: »Wie muss der arme Bursche auf glühenden Kohlen sitzen, wenn die ledernen, und zwar nicht saffian- oder maroquin-ledernen, sondern schweinsledernen Witze eines langweiligen Dozenten ihm in die Ohren dröhnen, und seine Augen unterdessen auf der Straße schweifen, und sich ergötzen an das pittoreske Schauspiel der leuchtenden Equipagen, der vorüberziehenden Soldaten, der dahinhüpfenden Nymphen, und der bunten Menschenwoge, die sich nach dem Opernhause wälzt. Wie müssen dem armen Burschen die 16 Groschen in der Tasche brennen, wenn er denkt: Diese glücklichen Menschen sehen gleich die Eunike als Seraphim, oder die Milder als Iphegeneia.« [3]

Dieser Schilderung aus dem Ersten der »Berliner Briefe« folgte in selbigen noch ein weiteres, heute unvorstellbares Erlebnis, welches Heine aus dem Universitätsbetrieb seiner Zeit zu berichten wußte:

»Ein Duell ist kürzlich sehr unglücklich abgelaufen. Zwei Mediziner, Liebschütz und Febus, gerieten im Kollegium der Semiotik in einen unbedeutenden Streit, da beide gleichen Anspruch machten an den Sitz No. 4. Sie wussten nicht, dass es in diesem Auditorium zwei mit No. 4 bezeichnete Sitze gab, und beide hatten diese Nummer vom Professor erhalten. ›Dummer Junge!‹ rief der eine, und der leichte Wortwechsel war geendigt. Sie schlugen sich den andern Tag, und Liebschütz rannte sich den Schläger seines Gegners in den Leib. Er starb eine Viertelstunde drauf. Da er ein Jude war, wurde er von seinen akademischen Freunden nach dem jüdischen Gottesacker gebracht. Febus, ebenfalls ein Jude, hat die Flucht ergriffen.« [4]

Als Heine Berlin 1824 verließ war er wohl auch von den drückenden politischen Verhältnissen in Berlin und Preußen enttäuscht. Sein 1855 veröffentlichtes Gedicht »Die Menge tut es« über die »Borussenhauptstadt« und ihre arroganten Gardeoffiziere, die stets nur von der »Kanaille« schwadronierten, klang mit den Worten aus:

»Ich rate euch, nehmt euch in acht,
Es bricht noch nicht, jedoch es kracht;
Und es ist das Brandenburger Tor
Noch immer so groß und so weit wie zuvor,
Und man könnt euch auf einmal zum Tor hinaus schmeißen,
Euch alle, mitsamt dem Prinzen von Preußen -

Die Menge tut es.« [5]

Anmerkungen

[1] Gerhard Wolf, Heine in Berlin, in: Gerhard Wolf/Günter de Bruyn (Hg.), Und Grüß mich nicht Unter den Linden. Heine in Berlin. Gedichte und Prosa, Berlin (Ost) 1980, S. 278.
[2] Winfried Löschburg, Unter den Linden. Gesichter und Geschichten einer Straße, Berlin (Ost) 1976, S. 99-100.
[3] Gerhard Wolf/Günter de Bruyn (Hg.), Und Grüß mich nicht Unter den Linden. Heine in Berlin. Gedichte und Prosa, Berlin (Ost) 1980, S. 129-130.
[4] Ebd., S. 131.
[2] Löschburg, S. 108.

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